Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe

30.05.2011

Flexibler in die Zukunft - Fachtag

Bestmögliche Hilfen zur Erziehung gewährleisten, pädagogische Ziele konkreter formulieren, flexibler anzustreben, dadurch letztlich erfolgreicher zu erreichen und die Menschen möglichst in ihrem bisherigen Sozialraum versorgen, damit sie ihre intakten Beziehungen durch einen Ortswechsel nicht unterbrechen müssen.

Dies sind Absichten, die sich mit dem Konzept der Sozialraumorientierung verbinden. Wie können diese Absichten durch Strukturveränderungen in der Angebotspalette der Angebote nach § 27 ff des SGB VIII erreicht werden?

Mit dieser Fragestellung beschäftigten sich erneut Mitarbeitende der JugendhilfeNetzwerke der NGD Gruppe,  Allgemeiner Sozialer Dienste von Jugendämtern wie Kooperationspartnern im Rahmen eines Fachtages in der Kindersiedlung der Heilpädagogischen Kinderheime Bad Segeberg.

Referent für die sehr vielschichtige Fragestellung war Herr Andreas Krämer, ehemaliger Jugend- und Heimerzieher, Diplom–Heilpädagoge (FH), Mitarbeiter, Trainer und Leiter im Bereich sozialraumorientierter Hilfen in Baden-Württemberg und mittlerweile freier Mitarbeiter des Instituts LüttringHaus - Institut für Sozialraumorientierung, Quartier- und Case-Management in Essen. Er hat in den vergangenen Jahren diverse Kreise und Städte in Schleswig-Holstein bei der Implementierung und Ausgestaltung des Sozialraumkonzeptes beraten.

Was ist mit der Sozialraumorientierung bei den Hilfen zur Erziehung beabsichtigt?

  • Abbau der Versäulung von Hilfeformen und -erbringern
  • Flexibilisierung von Finanzierungsformen
  • Regionalisierung von Jugendämtern
  • Entspezialisierung von Hilfeformen
  • Verantwortungsbelassung bei den Sorgeberechtigten / Unterstützung bei eigener Problemlösung statt Abnahme des Problems
  • Erschließung und Nutzung von Umfeldressourcen / Verwandte, Bekannte, LehrerInnen, Vereine u.a.
  • Orientierung am Willen und den Zielen der jungen Menschen und deren Eltern
  • Einführung anderer Hilfeformen; z.B. Familienrat
  • Veränderung jetziger Hilfeformen; z.B. Partizipation der Betreuten, stärkere Verantwortungsübernahme und Einbeziehung von Sorgeberechtigten bei stationärer Unterbringung und mehr
  • Verstärkte Erschließung sozialräumlich vorhandener Ressourcen bei stationären Unterbringungen
  • Effektivere Verwendung der Finanzmittel für Hilfen zu Erziehung
  • Prävention vor ‚Reparatur’
  • Veränderung des Rollenverständnisses bei den HelferInnen
  • Förderung von Kooperationen zwischen Leistungserbringern

Die Komplexität der dargestellten Inhalte der Sozialraumorientierung wirkte auf die Teilnehmenden zunächst ‚erschlagend’. Dem Referenten gelang es, die anzustrebenden Zielsetzungen und dazu notwendigen Veränderungen so zu präsentieren, dass sich das Gesamtkonzept erschloss. Gleichzeitig wurde damit deutlich, dass zunächst eine gedankliche Umorientierung in den eigenen Köpfen beginnen muss, damit daraus sukzessive alltagstaugliches Handeln wird. Diese Umorientierung betrifft die NutzerInnen (Eltern / Kinder / Jugendliche), die Leistungsträger (Jugendämter) und Leistungserbringer (Einrichtungen und Dienste).

Das Rad muss nicht neu erfunden werden

Uns wurde deutlich, dass wir vieles vom zukünftigen sozialräumlichen Handeln bereits heute machen. Es wird sich eben ‚nur’ teilweise verändern und weiterentwickeln. Vielmehr wird sich das Zusammenspiel zwischen Eltern, Betreuten, Mitarbeitenden im ASD, Schulen, Ehrenamtlichen und uns verändern - müssen -, wenn es uns Ernst ist mit selbst definierten Zielen, deren Erreichung und der damit verbundenen Selbstverantwortlichkeit (von Betroffenen).

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“

Francis Picabia

Herr Krämer hat durch seine praxisnahen Erläuterungen viele „Aha-Situationen“ erreicht und konkrete Vorschläge für die Arbeit gemacht. Angeregte Diskussionen sind entstanden. Ein voller Erfolg also für alle! Ein besonderer Dank an Herrn Krämer für seine Informationen und Anregungen.

Am Ende der Fachtagung waren die Teilnehmenden beeindruckt und gleichzeitig verunsichert von dem was nunmehr vor uns liegt. Was genau muss denn jetzt erhalten bleiben? Was führt in der Umsetzung zu schnellen Erfolgen? Was muss vielleicht wieder verworfen werden? Eines ist auf jeden Fall klar: die Antworten auf diese Fragen liegen am Handeln aller Akteure.

Wir werden uns inhaltlich im Rahmen von weiteren mehrtägigen Fortbildungsveranstaltungen im Sommer vertieft mit der Thematik beschäftigen, gerne gemeinsam mit Mitarbeitenden des ASD und unseren Kooperationspartnern. Ziel soll es sein, einheitliche und praktikable Formen und Methoden zu erarbeiten. Wir alle stehen erst am Anfang eines längeren Prozesses.


Sebastian Stadelhofer
Projektentwicklung

« zurück zur Übersicht